Londoner Streisand Interview - eine Betrachtung

Sonntag der 20. September 2009, 17:15 Ortszeit, London - eine kleine Gruppe glücklicher Gewinner findet sich vor dem Eingang der altehrwürdigen BBC Studios ein, um an einem einzigartigen Interview mit Barbra Streisand teilzunehmen. Bild.de machte es in Zusammenarbeit mit Sony Music möglich. Aufgeregt waren sie alle, in freudiger Erwartung und sich bewußt, wie einmalig die Gelegenheit ist. Alle hatten Barbra schon zumindest einmal live in einem Konzert erlebt, aber was sie hier erwartete konnten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen ...

Rückblende: Freitag, 18. September 2009 vormittags, irgendwo in Deutschland - ein Handy schellt und ich habe gewonnen - zum ersten Mal in meinem 44-jährigen Leben - und was für einen Preis! Ich fliege nach London zu Barbra! Nachdem sich der erste Schock gelegt hat, die Panik: Was ziehe ich an? Wie sind wohl die anderen? Wen nehme ich mit? - Hoffentlich kommt nichts dazwischen!
Mitten in die allgemeine Aufregung ein erneuter Anruf. Eine Freundin, die ich bei der Europatournee 2007 kennengelernt hatte: Sie habe bei Bild gewonnen, ob ich mitkommen wolle. Großes Gekicher als sich herausstellt, dass ich auch gewonnen habe. Also - wen nehmen wir mit? Wir treffen also eine Vorauswahl und beginnen zu telefonieren. Tatsächlich gibt es Menschen, die sich trotz dieser einmaligen Chance nicht freischaufeln können. Dann stehen die Mitstreiter endlich fest.

Die Kleiderfrage ist noch immer nicht gelöst... Keine Sekunde Schlaf zwischen Freitag und Sonntag morgen - Adrenalinwerte im astronomischen Hoch! Sonntag morgen Koffer packen und kontrollieren. Ticket? Da. Hotelbuchung? Da. Reisepass? Da. (Mindestens noch zehn dieser Kontrollen vor dem Weg zum Flughafen).

Fünf Outfits eingepackt, die sich noch beliebig kombinieren lassen. Kleiderfrage noch immer nicht gelöst. Am Samstag Abend nochmals 'Inside the Actor's Studio' gesehen und besonders auf das Publikum geachtet: Jeans und Shirts. Aber sowas in der BBC? Doch lieber das kleine Schwarze. ('nur' 20 Kilo Gepäck erlaubt!) Nachts um drei SMS an die anderen Schlaflosen - wir nehmen einmal Sportlich, einmal Exklusiv mit und entscheiden vor Ort.

Kurz vor der Abfahrt zum Flughafen bleibt das Frühstück vor lauter Aufregung im Hals stecken. Dann endlich im Auto und nach endloser Zeit auch im Flieger. Selbst die laute Schulklasse stört da wenig. Es wird wenig gesprochen, jeder ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Ankunft in London, Kontrollen, Geld wechseln und zum Hotel. Vor Ort auspacken - dann wird es langsam ernst. Man besucht sich gegenseitig auf den Zimmern - Kleidung vorführen. Allgemeine Abstimmung aller, was wer anzieht - sportlich elegant wird es dann. Duschen, anziehen, anmalen und runter in die Lobby zum Sammeln. Dann zu Fuß zur BBC. Zehn Minuten an der frischen Luft tun gut, machen den Kopf frei.

Dort angekommen bringt man uns in einen Aufenthaltsraum mit anderen Fans/Gewinnern aus Österreich, der Schweiz, Belgien, Spanien und noch anderen Ländern. Ein kurzer Blick auf die Kleidung der anderen beruhigt: alles richtig gemacht! Es werden Getränke gereicht und das Warten auf den Einlass beginnt. Dann endlich öffnet sich die Tür und wir werden einmal durch die ganze BBC geschleust bis wir endlich vor der Studiotür stehen. Darüber die Anzeige: Rehearsal (Probe) und richtig, DIE Stimme erkenne ich auch durch geschlossene Türen sofort... Fünf Minuten später öffnet sich auch diese letzte Tür und man bekommt endlich Antwort auf die quälenden Fragen der letzten Stunden: Wie groß ist das Studio? Wie viele passen hinein? Wo werde ich sitzen? In meinem Fall: mittelgroß, so um die 150 Zuschauer - in der ersten Reihe Mitte. Nicht mehr ganz eine halbe Stunde bis es anfängt. Man spielt uns Ausschnitte aus vorherigen Shows ein. Streisand Fans kommen schnell ins Gespräch, tauschen Erinnerungen aus und diskutieren, warum es heute in der Show eine zweite Öffnung zur Bühne gibt - rechts! Fans wissen warum ...

An einigen Kameras Zettel mit Regieanweisungen für die Songs. Aha, das wird sie also singen - gute Wahl! Endlich erscheint Jonathan Ross und unterhält sich ein wenig mit dem Publikum, scherzt ein wenig herum, erzählt wie nett Barbra ist, zieht uns ein wenig auf, weil wir nicht bei den Proben dabei waren. Nervöses Lachen der Fans - alle warten nur noch auf SIE! Dann endlich geht es los! Jonathan macht die Anmoderation und dann endlich die Erlösung: Barbra!

Atemberaubend, strahlend und ein wenig aufgeregt und verlegen kommt sie auf die Bühne, bleibt stehen, während alle Zuschauer sich erheben! Ein schwarzes Kleid, mehr ein Hauch, Stiefel mit Stilettos, das Cover des neuen Albums wird ihr zu 100 Prozent gerecht - sie setzt sich, wir auch. Jonathan Ross beginnt Fragen zu stellen und Barbra legt ihre Nervosität schnell ab. Die Fragen sind gut. Keine Kommentare über den frühen Tod des Vaters und sonstige 'Evergreens'. Ross schafft es auch nach über 40 Jahren Interviews mit Barbra Streisand neue Fragen zu stellen und neue Fakten zu entlocken. Sogar über meinen Lieblingsfilm wird gesprochen - auch wenn er ihn nicht mag. Die Beiden scherzen und während ich versuche meine Atmung gleichmäßig zu halten sage ich mir immer wieder: Das hier ist echt, sie ist wirklich da - dennoch ist alles so surreal.

Was macht das Interview für die Zuschauer so besonders? Nun, man bekommt auch den Teil mit, der sonst nicht gezeigt wird: Nachschminken, Zurechtzupfen, nochmalige Aufnahmen - Barbra während der Arbeit und nicht mit dem fertigen Produkt. Das jede kleinste Bewegung ihrerseits akribisch beobachtet wird, scheint sie nicht zu irritieren. Sie ist ganz in ihrem Element, stellt Mitarbeiter und Hund vor, freut sich über unseren Applaus für diese und ist so natürlich und normal wie meine Nachbarin.

Dann endlich kommt der Teil auf den ich mich ganz besonders freue: Sie singt! Wenn man Barbra live auf der Bühne erlebt, dann spielt es keine Rolle, wie viele Menschen da sonst noch so dabei sind. Man fühlt sich doch mit ihr allein oder hat zumindest den Eindruck, dass sie eigentlich nur für die eigene Person singt. Mein Lieblings-Jahrzehnt waren immer die 60er Jahre und ich habe es immer bedauert, nicht bei einem der Nachtclub Engagements dabei gewesen zu sein. Als dann die Ankündigung für den Auftritt im Village Vanguard kam war ich natürlich sehr traurig, dass die wenigen Karten nur den Amerikanern vorbehalten waren, aber nun hatte ich ja auch eine Gelegenheit bekommen, wenn auch in abgespeckter Version. Ich habe mich immer gefragt, ob so ein Auftritt wohl noch intensiver wäre, aber ich war nicht auf diese Erfahrung vorbereitet.

Barbra saß keine drei Meter von mir auf gleicher Höhe auf einem Hocker und sang. Da die Kameras rechts und links von mir postiert waren schaute sie mich direkt an. Schon nach dem ersten Takt war ich vollkommen allein mit ihr - diese strahlenden, tiefblauen Augen, die mir schon mit sechs Jahren direkt vom Bildschirm in die Seele schauen konnten, diese Augen hielten mich fest und während Barbra in die Realität des Liedes eintauchte, nahm sie mich mit auf diese Reise. Keine Kameras, keine Sitznachbarn, kein Studio mehr - nur Barbra und ich, die Geschichte des Liedes und die Emotionen, die diese hervorruft. Die Musiker waren gut und die Beleuchtung sehr gut umgesetzt, aber in diesem Moment nahm ich das alles nur im Unterbewußtsein mit. Nachdem der letzte Ton verklungen war kam mir der Applaus der Zuschauer fast deplaziert vor, ich war noch gar nicht wieder richtig zurück von unserem Ausflug.
Barbra begann wieder zu singen und noch schneller und bereitwilliger fuhr ich erneut mit ihr auf dieser emotionalen Achterbahn mit. Dann dieses gehauchte 'don't' - am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte sie schützend in den Arm genommen ...
Warum Barbra über Jahrzehnte hinweg so viele Menschen so sehr in ihren Bann schlägt? Genau darum! Weil sie ihr Publikum mitnimmt, weil es in ihrer Gegenwart sogar wunderbar ist zu leiden, weil sie so viel Nähe zuläßt während sie als Person so weit fort bleibt. Der Applaus war sogar noch heftiger, aber er setzte später ein - ich war nicht die Einzige, die noch nicht so schnell wieder da war.

Dann war alles vorbei und die Bühne leer. Benommen verließ ich mit den anderen das Studio. Wir waren uns einig, wir hatten noch gar nicht begriffen, was wir gerade erlebt hatten. Es würde wohl ein wenig dauern. Vier Tage sind nun schon vergangen und noch immer erscheint es mir wie ein Traum. Um es wirklich zu begreifen, hätte ich sie wohl anfassen müssen - vielleicht!

Comments for this News article

Oh mein Gott! So dicht an Barbra dran, mein Herz hätte aufgehört zu schlagen...

So viele werden dich beneiden, ihr so Nahe gewesen zu sein. - Ich auch.
Und dennoch, ich beglückwünsche dich!!

Gruß von Berlin, großer Fan