"Ein großartiges Instrument, ein klassischer Instinkt" - New York Times Interview
Von ANTHONY TOMMASINI
Erschienen am 24. September 2009
Es war klar an ihrer Reaktion zu erkennen, sofort ein wenig fasziniert und ein wenig amüsiert, daß Barbra Streisand noch niemals zuvor von einem Interviewer zu ihrem Zwergfell befragt worden war.
Aber als ein Opernliebhaber und langjähriger Verehrer von Frau Streisands Stimme, wollte ich die inneren Vorgänge Ihres Gesangs erforschen, wie sie diese versteht. Für mich war ihre Fähigkeit Phrasen mit samtenen Legato zu formen und die richtige Colorierung für jede Note und jedes Wort zur finden, der Inbegriff von kultivierter Gesangskunst.
Hat Frau Streisand, wie eine Opernsängerin, konstant dran gedacht, tief aus dem Zwergfell heraus zu atmen, das Zwergfell als natürliche Unterstützung ihrer Stimme zu nutzen?
“Niemals,” sagte sie während sie aufrecht auf der Couch eines Freundes in einem Upper West Side Apartment sitzt. Sie sieht elegant aus in ihrem schwarzen Kleid und einem Schal aus Spitze um die Schultern. Alles beim Singen flog ihr zu, erklärte sie und fügt ein wenig verlegen hinzu, das sie so gut wie nie Stimmübungen mache. Sie gab ein seltenes persönliches Interview, offensichtlich neugierig sich mit einem Kritiker für klassische Musik über Stimmtechniken zu unterhalten.
“Ich bin furchtbar, wenn es ums Aufwärmen geht,” sagte sie. “Das ist einfach viel zu langweilig für mich.” Vor Jahren schickte ihr Tony Bennett ein Band mit Stimmübungen. “Ich habe es mir einmal angehört,” sagte sie. Sie hat ein Band mit Solfège Gesangsroutinen griffbereit, das ihr ein Stimmtrainer einmal erstellt hat. "Es ist sehr einfach," sagt sie. "Aber letztlich mache ich diese Übungen nur im Auto auf dem Weg zu den Aufnahmen." Das ist viel zu spät, um wirklich zu helfen, fügt sie hinzu.
Was auch immer sie für eine Stimmkraft, Finesse und Reichhaltigkeit hat war nicht das Produkt traditioneller Übungen und Analysen, sagte sie.
“Ich habe es nicht verstandesmäßig gemacht,” sagt Frau Streisand. “Ich tat es intuitiv, unterbewußt. Ich mag es eben so.”
Frau Streisand, die in Malibu, Kalifornien lebt, befand sich für die Teilnahme an einem Konzert am Samstag Abend in New York, das als 'einmal im Leben' angekündigt war. Zum ersten Mal seit 1961 würde Frau Streisand zu ihren Wurzeln zurückkehren und in einem Klub singen: ein einmaliger Auftritt im Village Vanguard, dem Jazz Treffpunkt. Aber das große Event für Streisand Fans, anders als für die 97, die im Vanguard Platz fanden (Eintrittskarten waren kostenlos durch eine Lotterie vergeben worden), ist Frau Streisand neuestes Album "Love Is The Answer", welches in dieser Woche bei Columbia veröffentlicht wird. Es ist eine Sammlung von 12 Liedern und einem Bonustrack, alle samt satte, jazzige, imtime Reflektionen über die Liebe mit Standards wie "Make Someone Happy" und "Smoke Gets In Your Eyes" und neueren Liedern von Komponist und Arrangeur Jonny Mandel, Liedern von Leonard Bernstein und Jaques Brel und anderen Vorstellungen, die in das Glub Gig Konzept passen.
Das Album, welches von Pianistin, Arrangeurin und Texterin Diana Krall produziert wurde, bringt Frau Streisand mit einem Jazz Quartett singend und mit einer subtilen Orchestrierung angereichert heraus. Die Deluxe Edition enthält eine Extra CD auf welcher Frau Streisand nur von dem samtigen Jazz Quartett begleitet wird. Somit ist die Aufnahme eine Rückbesinnung auf ihr frühen Tage als Clubsängerin.
“Einige Menschen mögen die Einfachheit der Stimme mit Instrumenten,” sagte sie, anstatt der reicheren Version mit einem Orchester. “Und so habe ich begonnen. Und ich dachte, ‘Warum nicht?’ ”
Auf eine Art war das Projekt aber auch riskant. Auf Frau Streisands Bitten hin wurden die Techniker gebeten so gut wie keine elektronischen Spielereien oder Hallefekte zu benutzen. Ihr Gesang ist außergewöhnlich intim und ungeschützt. Obwohl schon in den 60er Jahren die hohe Stimmlage nicht ihr Lieblingsgebiet war, hatte sie eine Art die Spitze der Phrase zu erreichen und eine so kräftige Stimmlage mit einem so fokussierten Vibrato, dass sie scheinbar mit Leichtigkeit hochsteigen konnte.
Ihr höchsten Noten sind in diesen Tagen nicht mehr so erreichbar für sie. In den Aufnahmen wird ihre Stimme manchmal rauchig, wenn sie die hohen Noten singt. Dennoch nutzt sie diesen ausdrucksvollen Effekt, wie ein großer Jazzsinger, in dem sie dem Moment einen urtümlich emotionalen Ausdruck verleiht, wie in ihrer schmelzenden, verletzlichen Darstellung von "In The Wee Small Hours Of The Morning", wo sie das hohe C beim angedeuteten Wort "only" in der Phrase "You'd Be His If Only He Would Call" nimmt.
Der Klang ihrer Stimme, mit 67, ist erstaunlich frisch. Damals in den "My Name Is Barbra" Zeiten in der Mitte der 60er war ihr Gesang bereits reif und reich und niemals mädchenhaft. Ihre Stimme bleibt, wie der Pianist Glenn Gould, ein erklärter "Streisand Freak", es 1976 in einer Rezension des Albums "Classical Barbra" schrieb, eines der "natürlichen Wunder des Zeitalters, ein Instrument von unendlicher Vielfalt und klangfarblicher Mittel."
Als ich Frau Streisand hierzu bedrängte, gab sie sich als eine Gesangskünstlerin mit starken, wohl angeborenen, Einblicken in Phrasierung, Legato, Vibrato, interpretierenden Nuancen und - am wichtigsten - die Kunst zu Singen als Ausdruck der Wörter zu erkennen. Gleichwohl betonte sie immer wieder, daß seit sie 7 Jahre alt war, sie eine Schauspielerin, keine Sängerin werden wollte und das Singen als eine Erweiterung dieser Passion daherkam, "ein Mittel zum Zweck," sagte sie. Dennoch, ihre außergewöhnliche Stimme trat früh hervor und - aus ihrer Sicht - ganz von allein.
“Ich erinnere mich daran als ich fünf Jahre als war und in der Pulaski Street in Brooklyn wohnte hatte der Flur des Gebäudes Messinggeländer und einen tollen Klang mit einem schönen Echo," sagte sie. "Ich war es gewohnt im Flur zu singen. Ich war bekannt als das Mädchen in der Straße mit einer guten Stimme. Kein Vater, gute Stimme. Das war meine Identität." (Ihr Vater, Emanuel Streisand, ein Gymnasiallehrer, starb an den Komplikationen eines epileptischen Anfalls während er ein Summer Camp in den Catskills leitete. Frau Streisand war 15 Monate alt.)
Mehr als die Freude am Singen war es ihr Fähigkeit ihre Stimme zum Schauspielen zu nutzen, sich selbst auszudrücken und Wörter zu vermitteln, was sie als junges Mädchen so fesselte, erklärte sie.
“Das Leben war eigenartig für mich in dieser Zeit,” sagte sie. “Ich war allergisch gegen das Landleben. Ich wurde auf den Straßen des heißen, dunstigen Brooklyn mit stickiger Luft großgezogen." Aber "da gab es - ich möchte es nicht Schmerz nennen, ich möchte nicht zu sehr jammern," fügt sie hinzu. "Aber Wörter bedeuteten etwas für mich, Wörter sprachen zu mir. Daher denke ich, dass dies irgendwie alles unterbewußt beeinflußt was ich tue."
Ihr Mutter, Diana, Sekretärin an einer öffentlichen Schule, hatte eine wunderbar natürliche Stimme, "leicht und opernhaft, sagte Frau Streisand. Aber sie dachte, die Stimme ihrer begabten Tochter sei nicht stark genug. So gab sie ihr Eigelb mit Milch gemixt zu trinken und sie nannte es einen "Guggle Muggle"," sagte Frau Streisand und kichert ein wenig bei der Erinnerung daran. Ihr frühes Stimmtraining dauerte nur eine Stunde mit einem Stimmtrainer. Während dieser Unterweisung sang Frau Streisand "A Sleeping Bee", den Harold Arlen Song, den sie bei ihrem ersten Fernsehauftritt vorgetragen hatte, 1961 in der "The Jack Paar Show", kurz bevor sie 19 wurde.
Während dieser Unterrichtsstunde kam Frau Streisand nur bis zur ersten Zeile: “When a bee lies sleepin’ in the palm of your hand.” Die Lehrerin stoppte sie. “Sie sagte, ‘Nein, nein, Du mußt es so aussprechen bee-e-e-,’ ” erzählte Frau Streisand, das Wort in die Länge ziehend und mit einem runden, quasi-oper Ton. “Ich dachte, dies sei unnatürlich und das habe ich ihr gesagt, ‘Nein, ich muß das Wort als eine Verlängerung meiner Sprache singen.’ ” Von selbst, über eine Karriere von über 50 Jahren, hat Frau Streisand alles über das Singen herausgefunden, was man wissen muß. Während ihrer frühen Jahre in den Clubs hatte sie einmal ihre Stimme verloren und hatte eine kleine Krise. Sie rief eine Trainerin an, die ihr die Physiologie des Gesangs erklärte.
“Sie zeigte mir ein Schaubild, so dass ich den Mechanismus erkennen konnte was mit der Luft und dem Körper passiert,” sagte Frau Streisand. Aber die Trainerin versicherte ihr, dass sie ihre Stimme gut gebrauchen würde. “Es wurde mir klar, wie viel beim Singen mechanisch und wie viel psychologisch war,” sagte sie. “Die Leute fragen mich immer wieder, ‘Wie können sie so lange einen Ton halten?’ Ich habe nie darüber nachgedacht. Ich habe den Ton gehalten, weil ich es wollte.”
Für sie war Singen immer eine Frage von reinem Willen und Entschiedenheit.
Opernsänger könnten eventuell etwas von Frau Streisands Art, den Gesang als eine Erweiterung des Schauspielens anzusehen, lernen. Während sie so hart daran arbeiten die Schönheit und tragende Kraft ihrer Stimmen zu kultivieren, gehen zu viele Opernsänger bei undeutlicher Diktion und artmäßigen Ausdruck einen Kompromiss ein. Frau Streisand singt, als würde sie zu ihnen sprechen.
Frau Streisand kann das richtige Lied in einen durchgehend gesungenen dramatischen Monolog verwandeln, wie sie es bei vielen der Werke auf "Love Is The Anwer" tat, besonders bei "Where Do You Start?", einem von drei Liedern, die sie zu Ehren der Künstlerin, die sie verehrt, singt, der Jazzsängerin und Pianistin Shirley Horn, die diese auf "Here's To Life" aufgenommen hatte, einem Album aus dem Jahre 1992, produziert und arrangiert von Herrn Mandel. "Ich halte sie für überragend," sagte Frau Streisand.
"Where Do You Start?" ist das wehmütige Bedauern einer Frau
am Ende einer Trennung. Die grübelnde Musik kommt von Herrn Mandel, mit
Texten von Alan und Marily Bergman, "tiefgründige, poetische und dennoch
kontroverse" Texte wie Frau Streisand im Covertext des Albums anmerkt.
All diese Qualitäten kommen in ihrer niedergeschlagenen Darbietung zum
Vorschein, wenn sie schmerzlich, ohne einen Anflug von Selbstmitleid, die Fragen
stellt: "Welche Bücher gehören dir? Welche Bänder und Träume
sind deine und welche sind meine?"
Trotz all ihrer Einwände enthüllte Frau Streisand anspruchsvolle Eingebungen
über die Technik des Singens und der Kunst der Interpretation. Ich erwähnte
einmal Yo-Yo Ma bei der Unterweisung einer Meisterklasse gehört zu haben.
Mit einigen der Studenten mit Celli sprach Herr Ma darüber wie wichtig
es sei einen anhaltenden Ton, der in der Lautstärke abnimmt, nicht einfach
schlaff werden zu lassen.
Es gibt eine Möglichkeit, indem man ein schnelleres Vibrato und einen durchdringenderen Ton nutzt, wie Herr Ma demonstrierte, um eine beibehaltene Tonhöhe tatsächlich in der Intensität zu erhöhen während der Klang leiser wird. Etwas ähnliches ist das Markenzeichen von Frau Streisands Gesang. Kommt meine Beschreibung von Herrn Mas Technik bekannt vor?
"Es hört sich bekannt an," sagte sie. "Es ist wahr. Sie müssen ihm beinahe noch mehr Luft geben. Der Klang nimmt nicht wirklich ab." Aber die fügt hinzu, "Ich weiß nicht was es ist, das ich tue."
Gefragt, ob es denn wahr sei, dass sie im Wesentlichen keine Noten lesen könne, antwortete sie in unbeweglicher Fanny Brice Miene: "Ich lese keine Noten. Nicht einmal im Wesentlichen. Noch nicht einmal im Unwesentlichen."
Beim Erlernen von Liedern benötigt sie normalerweise nur einmal eine Melodie zu hören und hat sie dann verinnerlicht.
Natürlich ist sie in guter Gesellschaft unter den Gesangsgiganten, die
auch nicht wirklich Noten lesen konnten, nicht nur Ethel Merman und Mary Martin,
sondern auch Luciano Pavarotti.
Abgesehen davon, dass sie 1968 einen Oscar als beste Schauspielerin für
ihre Darstellung in "Funny Girl" erhalten hat, bekam die darüber
hinaus auch einen Oscar für den besten originalen Song, "Evergreen",
das Liebesthema aus dem Spielfilm "A Star Is Born" von 1978, den sie
komponierte und zu dem Paul Williams den Text schrieb. Die Tiefe ihrer Musikalität
kam zum Vorschein, als sie über ihre Fantasie eine Symphonie zu komponieren.
"Ich höre diese Melodien," sagte sie. "Ich höre Hörner und Streicher. Das ist es was so Spaß daran macht, mit einem Orchester aufzunehmen." Sie kann Dinge singen und Komponist-Arrangeur Bill Ross oder Jeremy Lubbock haben die Fähigkeit dies nieder zuschreiben, sagte sie.
Sie sprach über das Aufnehmen mit Marvin Hamlisch. "Ich kann einfach sagen, dass ist nicht der richtige Akkord, nein, es muß ein 11er oder 9er oder sowas sein," sagte sie. "Ich weiß einfach, dass der Akkord im Kontrast stehen muß, es kann nicht so sein." Sie sang eine ausdauernde heisere Tonfolge. "Ich sage: 'Das hat keine Reibung. Ich möchte hier eine leichte Reibung haben.'"
Das Interview kam schließlich auf die Oper. Obwohl kein Fan, besucht Frau Streisand die Oper von Zeit zu Zeit mit Vergnügen. Sie ist ein großer Maria Callas Fan, was Sinn macht. Sprechen wir doch über eine singende Schauspielerin, die ihre Kunst durch schiere Willenskraft vorantrieb.
Während ihrer Karriere war Frau Streisand schon überall auf der Karte der Stilrichtungen und verschiedene Lager von Fans haben sie dafür kritisiert was sie als Geschmacksverirrungen ansahen als sie Rock oder Disco oder ähnliches erforschte. "Classical Barbra" bietet Lieder von Debussy, Faure, Wolf und anderen in einem orchestralen Rahmen an und war ein seltener Fall, dass sie zu ehrfürchtig mit den Originalen umging. "Ich wollte auf dem Album schreiben, 'noch zu erledigen,'" sagte sie. "Aber das haben sie mir ausgeredet."
Dennoch kann niemand dem Erfolg widersprechen. Die ist die meist-verkaufteste weibliche Künstlerin in der Geschichte der Amerikanischen Musikindustrie. Und sie setzt große Hoffnung in ihr neues Album.
Aber etwas von ihrer Unsicherheit kam zum Vorschein, anrührend, als sie über ihr neues Album redete. Als ich ihre Annäherung an die Standards erwähnte unterbrach sie mich, "Mochten Sie "Smoke Gets In Your Eyes"?"
Sie sagte, sie habe es schon vorher aufgenommen, es aber nie veröffentlicht.
Als sie es diesmal aufnahm, machte sie im Text dieses bittersüßen
Liebeslieds neue Entdeckungen.
Wenn sie mit schmelzendem Klang die ersten Zeilen singt, "They asked me
how I knew/My true love was true," gestattet sie es ihrer Stimme am Ende
dieser ersten Phrase anzuschwellen. Übergangslos gleitet sie in die nächste,
ohne einen Bruch im Legato und dennoch mit einem klaren Gefühl für
die neue Aussage, beantwortet sie die Frage: "I of yourse replied/Something
here inside/Cannot be denied."
Ob ich es mochte? Machen Sie Witze?
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